Petanque: Lebenselixier

„Pétanque ist für mich ein Lebenselixier“ — ein Gespräch mit Sabine

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In diesem Gespräch mit Sabine geht es nicht nur um 22 Jahre Pétanque, um Wettkämpfe, Freundschaften und die Gemeinschaft auf dem Boule-Platz in Karlshof. Es geht auch um die Frage, was Pétanque eigentlich ist.

Sabine zeigt, dass das Spiel beginnt, bevor die Kugel die Hand verlässt. Zuerst kommt die Ruhe hinter dem Kreis. Dann der Blick auf den Boden. Wo kann die Kugel landen? Wie verläuft das Gelände? Muss der Wurf gebremst werden? Ist Rückdrall nötig? Links an dem Hindernis vorbei oder rechts?

Pétanque ist schauen, fühlen, entscheiden — und erst danach werfen.

Vielleicht liegt genau darin der Reiz des Spiels. Es ist einfach genug, um damit anzufangen, aber tief genug, um einen über viele Jahre hinweg zu fesseln.

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Sabine, du spielst seit 22 Jahren Pétanque. Warum hast du damals damit angefangen?

Ach, ich fand es einfach sehr reizvoll. Ich hatte vorher viele verschiedene Sportarten gemacht, aber damals hatte ich auch Rückenprobleme. In dieser Zeit bin ich irgendwie in das Boulespiel hineingerutscht. Es passte genau zu meiner damaligen Lebenssituation.

Und ich habe diese 22 Jahre wirklich als eine Art Lebenselixier erlebt. Ich habe damals viel gespielt — und auch gut gespielt.

Was bedeutet für dich: gut gespielt?

Ich habe in der Nordliga gespielt, also in der höchsten Liga für Hamburg, Schleswig-Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Ich habe mit sehr guten Spielern zusammen gespielt. Damals gab es auch noch eine Frauenquote, und dadurch bin ich ordentlich gefordert worden. So habe ich das Spiel wirklich gut gelernt.

Boule spielen kann man natürlich einfach so. Aber ich hatte immer auch Ehrgeiz. Ein französischer Boulespieler hat einmal am Anfang zu mir gesagt: „Wenn du so spielst, wirst du Boulespielerin, aber keine Pétanque-Spielerin.“ Und ich wollte Pétanque-Spielerin sein.

Was ist für dich der Unterschied zwischen Boule und Pétanque?

Pétanque hat für mich einen höheren Anspruch. Das ist ein bisschen wie der Unterschied zwischen Pingpong und Tischtennis. In Frankreich sind die Pétanque-Spieler die Menschen, die das Spiel wirklich auf hohem Niveau beherrschen. Und das gilt inzwischen auch bei uns.

Als ich gerade erst mit dem Boulespielen begonnen hatte, nahm ich mir beim Thema Konzentration das als Beispiel. Wenn man rückwärts vom Sprungbrett springt, muss man ganz bei der Sache sein. Wenn man das nicht tut, kann man hart auf dem Bauch oder Rücken landen. Genau diese Konzentration wollte ich auch beim Pétanque erreichen: Es muss alles zusammenpassen — der Blick, der Körper, die Ruhe, der Wurf.

Was hat dir Pétanque in all den Jahren gegeben?

Grundsätzlich finde ich Boulespielen einfach cool. Ich habe viele, viele schöne Erinnerungen. Ich habe sehr nette Menschen kennengelernt und eine gute Gemeinschaft erlebt. Durch Boule bin ich auch mit Michael befreundet geworden — und aus dieser Boulefreundschaft ist dann ein Paar geworden. Michael spielt ja auch Boule.

Als ich vor fünf Jahren hier einen Schlaganfall hatte, haben mich die Spielerinnen und Spieler enorm gut aufgefangen. Sie haben mich weiter mitspielen lassen. Ich konnte die Kugel damals nur sehr mühsam werfen, aber sie haben das akzeptiert. Das war eine sehr schöne Erfahrung von Gemeinschaft. Durch Boule konnte ich viele Freundschaften schließen.

Für deine Enkelkinder heißt du „Oma Boomba“. Hat das auch mit Boule zu tun?

Ja, dieser Name kommt aus Frankreich. Die Franzosen waren damals überrascht: eine deutsche Frau, die auch noch gut schießen konnte! Ich habe geschossen, auch Carreaux geschossen, und ich habe gewonnen. Wenn ich schoss, riefen sie: „Madame Boomba, Madame Boomba!“

Als ich nach Hause kam, habe ich diese Geschichte meiner Tochter erzählt. Sie war damals schwanger und sagte sofort: „Dann bist du ja bald Oma Boomba.“ Seitdem heiße ich für meine Enkelkinder Oma Boomba.

Du hast ein paar Jahre in der Nordliga gespielt. Gab es damals viele Frauen, die Pétanque spielten?

Inzwischen ja. Aber damals war das noch ein bisschen anders. Wenn ich irgendwo spielen ging, war ich oft die einzige Frau.

2008 oder 2009 in Frankreich waren die Männer sehr überrascht, dass ich so gut schießen konnte. Ich war da eher eine Ausnahme. Eine gute französische Spielerin sagte einmal zu mir: „Mit den Männern klappt das nicht. Das wird nicht wirklich akzeptiert.“

Und wie ist das heute im Norden? Werden Frauen akzeptiert?

Ja, schon — aber Frauen bekommen noch nicht so leicht einen Namen. Es gibt hier noch immer nur wenige Frauen, die sich wirklich den Ruf einer sehr guten Spielerin aufgebaut haben. Dass ich früher gut schießen konnte, war für meine Akzeptanz sehr wichtig.

Wie spielst du Pétanque? Was passiert bei dir vor einem Wurf?

Das ist schwer zu sagen. Wenn ich konzentriert spiele, schaue ich mir zuerst ganz genau den Boden an. Wo kann ich aufsetzen? Wie läuft die Kugel? Wie viel muss ich sie bremsen? Wie viel Rückdrall brauche ich in der Hand? Früher konnte ich auch einen seitlichen Drall spielen, um um eine Kugel herumzukommen.

Das sehe ich mir genau an, und dann überlege ich, was ich mache. In Wettkämpfen schaue ich wirklich sehr präzise.

Aber ich sehe das auch als etwas Meditatives. Ein Auge ist nach innen gerichtet, und das andere peilt draußen etwas an. Da kommt das Meditative hinein. Es ist Konzentration, aber auch ein In-sich-Hineinspüren.Manchmal sage ich: Meine Kugel kriegt meinen Willen mit.

Du hast auch viel in der Halle in Hamburg gespielt, meistens mit Männern. War das wichtig für deine Entwicklung?

Ja, von ihnen habe ich viel gelernt. Ich bin dort gefordert worden, und das hat mich weitergebracht.

Nenne mir drei wichtige Dinge beim Pétanque.

Grundsätzlich: Man darf die Partner und die Gegner beim Spielen nicht stören. Wenn man wirklich Pétanque spielt, hält man sich an die Regeln. Man läuft nicht einfach herum und redet. Das geht gar nicht. Es muss ruhig sein.

Das hat damit zu tun, dass man sich auf das konzentriert, was gerade da ist. Das Reglement ist für mich sehr wichtig.

Geht durch diese Ernsthaftigkeit nicht auch etwas vom Spaß verloren?

Im Wettkampf liegt der eigentliche Spaß darin, dass man es gut macht. Es geht um die eigene Leistung. Beim Boule kann der Spaß stärker in der Begegnung und im Zusammensein liegen. Beim Pétanque ist die Leistung selbst ein wichtiger Teil der Freude.

Wie stehst du im Kreis? Hast du ein festes Ritual?

Ich habe gelernt, dass man erst einmal in Ruhe hinter dem Kreis steht und sich dort schon besinnt. Wenn man merkt: Ich bin bereit, dann geht man in den Kreis.

Wenn ich den Boden genau studieren will, gehe ich auch zur Zielkugel und laufe rückwärts zurück. Dann bekomme ich ein Gefühl dafür, wo der Boden am günstigsten ist und wo ich die Kugel am besten spielen kann. Ich schaue: links vorbei, rechts vorbei, was ist möglich? Und dann entscheide ich.

Ist Boulespielen etwas für jeden?

Meine Tochter interessiert es überhaupt nicht — sie springt lieber Fallschirm. Bei mir ist Boule entstanden, als es mir nicht mehr so gut ging. Aber nein, ich finde es nicht schade, dass ich erst später dazu gekommen bin. Die anderen Sportarten haben mir ja auch viel Freude gemacht.

Ob Boule etwas für jeden ist? Vielleicht nicht für jeden, aber für sehr viele. Wenn das Interesse da ist, kann man in jedem Alter anfangen. Und wenn Kinder Interesse haben, können sie sehr gut hineinwachsen.

Ist Boule vor allem ein Sport für Seniorinnen und Senioren?

Nein, das muss es nicht sein. In Frankreich wachsen Kinder oft ganz selbstverständlich mit dem Spiel auf. Manche bekommen dort gefühlt schon bei der Geburt drei Kugeln. Sie wachsen ganz anders hinein. Bei uns fehlt das noch ein wenig.

Nimmst du deine Kugeln mit, wenn du unterwegs bist?

Ja, wenn ich irgendwo hinfahre, nehme ich meine Boules fast immer mit. Und wenn man dann irgendwo ist und ein gewisses Niveau hat, wird man gerne eingeladen mitzuspielen. Das ist toll.

Was möchtest du am Ende dieses Gesprächs noch sagen?

Wir haben ein ganz großes Glück, dass wir hier in Karlshof sind — ganz nah an der Bahn — und dass wir dort nette Menschen treffen können. Wir können die Gemeinschaft genießen, und dafür bin ich dankbar.

Eine Herausforderung ist auch, dass man immer wieder mit anderen Menschen spielt. Mit Menschen, die man sehr gerne mag, und mit anderen Menschen, mit denen es vielleicht nicht ganz so einfach ist. Auch das ist reizvoll. Es ist eine Herausforderung, und die finde ich gut.

Pétanque ist für mich ein Lebenselixier. Ich spiele, solange es möglich ist — vielleicht auch noch, wenn man mich zur Bahn tragen muss.

Und wenn es einmal so weit ist, wünsche ich mir für mein Grab eine Urne aus drei Boulekugeln.